28.07.10
Lange, spitze Ohren, ein seidiges, sandfarbenes Fell, weiße Mehlschnute, gestreifte Zebrabeine und etwas über zwei Wochen jung: das ist Tibor, der kleine Somali-Wildesel. Er kam am 11. Juli morgens zur Welt und ist das 11. Fohlen dieser vom Aussterben akut bedrohten Art, das nun in der Wilhelma groß wird.
Somali-Wildeselstuten gebären im Liegen und das sehr schnell: In wenigen Minuten ist alles vorbei. Nur eine Stunde später staksen dann die Fohlen auf langen gestreiften Beinen hinter den Müttern her. In der Wildbahn ist das hohe Tempo, in dem Geburten „erledigt“ werden, überlebenswichtig, denn dort würden Raubtiere die Hilflosigkeit von Mutter und Kind sofort ausnutzen. Der kleine Tibor weiß von alledem nichts. Für das Somali-Wildeselfohlen der Wilhelma gibt es keine Löwen und Hyänen, sondern nur Mutter Sarina, seine ältere Schwester Henrike und Halbschwester Sina sowie die „Tanten“ Shebili, Simone, Sayla und Thea. Vater Luciano dagegen ist für Tibor bislang ein Unbekannter, denn der lässt sich nur in der Paarungssaison bei der Herde blicken. Ansonsten lebt er wie seine wilden Vettern als Einzelgänger und residiert dann in der Wilhelma-Außenstation, dem Tennhof. Aber auf die ständige Anwesenheit des sehr stürmischen, wenig zartfühlenden Liebhabers und „lausigen“ Vaters können die Stuten auch leicht verzichten.
Auch Luciano ist natürlich ein waschechter Somali-Wildesel, obwohl man beim Anblick von Tibors gestreiften Beinen meinen könnte, hier wurden Zebra und Esel gekreuzt. Doch neben dem hellen „Mehlmaul“ und dem dunklen Aalstrich auf dem Rücken besitzen alle Somali-Wildesel die auffälligen Zebrastreifen an den Beinen. Sie gelten als Erbe der „Ur-Equiden“ (Ur-Pferdeartigen), von denen man annimmt, dass sie alle mehr oder weniger gestreift waren. Sogar bei manchen Hauseseln, die durchweg von afrikanischen Wildeseln abstammen, sind noch Streifenreste erkennbar. In Haustiere verwandelt – domestiziert – wurden Wildesel übrigens ab etwa 5000 vor Christus. Ironie des Schicksals: Heute sind es vielerorts gerade Haustiere, die ihren wilden Vorfahren das wenige Futter im Freiland streitig und damit das Überleben schwer machen. So ergeht es auch dem Somali-Wildesel in seiner Heimat Somalia, Eritrea und Äthiopien. Zudem verhindern bei ihm Kriegswirren und die Jagd auf sein Fleisch, dass sich der verschwindend geringe Bestand von maximal wenigen hundert Tieren wieder erholen kann.
Dabei nutzt es den Eseln auch wenig, dass sie an das Leben in felsigen Wüstengebieten bestens angepasst sind. Sie kommen sehr lange mit wenigen Schlucken Wasser aus, das notfalls sogar salzhaltig sein darf. Bevor sie welches finden, müssen die Tiere aber oft meilenweit wandern. Auch ihr Speiseplan ist von erlesener Kargheit, darauf stehen vor allem harte Gräser, Kräuter und kleine Büsche. Tibor und seine Artgenossen dagegen können sich in der Wilhelma den Bauch täglich mit leckerem Heu, Gras und Ästen voll schlagen, dazu gibt es mitunter Rüben und Möhren. Und an Wasser herrscht im Schwabenland ja zum Glück ohnehin kein Mangel.
Bilder 1-3: Das knapp drei Wochen alte Hengstfohlen Tibor mit Mutter Sarina.
Fotos: Wilhelma